Rhys Marsh

Review: Nonpop (German)

17th May 2007

Und einmal mehr: Musik, die irgendwie nicht zur Jahreszeit passt (das Frühjahr scheint in dieser Hinsicht so gar kein Glück zu haben). Mit RHYS MARSH AND THE AUTUMN GHOST halten September und Oktober Einzug – von goldenem Licht, der ersten kühlen Luft und dem Duft von Laub durchflutet. Eine tieferstehende Sonne über den Feldern, rötliches Leuchten, blasser Himmel – die bittersüße, noch von Licht und letzter Wärme durchwirkte Melancholie dieser ganz gewissen, ganz besonderen Herbststimmung irgendwo zwischen herabziehender Leichtigkeit und erhebender Schwere.

Ehe ich beginne, ein Wort vorweg: Im Falle von RHYS MARSH gibt es noch kein Album zu besprechen. Von dem ambitionierten Künstler aus London, der erst kürzlich seine Zelte dort abgebrochen hat und nach Trondheim übergesiedelt ist, liegt bisher „nur” eine fünf Stücke umfassende, nicht eigens betitelte Demo-CD vor. Dennoch, auch ohne offizielles Release lohnt es sich, einen Blick zu riskieren. Und als Blickfang eignen sich bisher: eine Webseite, eine Myspace Seite, das Demo und eine Reihe surrealer, von Licht und Farbe überfluteter Photos, die vielleicht am besten, und ganz ohne Worte, die Stimmung dieser fünf Lieder einfangen.

Summer ends… Melancholisch, traumhaft, über weite Strecken hinweg soundtrackhaft und jazzig angehaucht – so präsentieren sich die Songs von RHYS MARSH, die zwischen zerbrechlicher Fragilität und überraschender Klangfülle pendeln. Süß und bitter zugleich eröffnen mit „Can´t stop the deaming” vereinzelte, wie verloren anmutende Klänge, über denen die Stimme von MARSH schwebt. Was im ersten Moment seltsam dünn wirkt, lässt sich nicht viel Zeit, um zu einem kleinen Orchester mit (echter) klassischer Instrumentierung anzuwachsen, die es neben unerwartet dichten Klangstrukturen auch zu einiger Dramatik bringt. Was der eröffnende Track zelebriert, ist bei MARSH und den Herbstgespenstern Programm: Musikalische Zerbrechlichkeit im Wechsel mit soundtrackartigem Drama, verloren wirkende Stimmen, seltsam dünne und brüchig anmutende Strukturen (die doch recht eigene Stimme von MARSH tut ihr übriges, um diesen Eindruck zu verstärken) im Wechsel mit überraschender – und im ersten Moment unerwarteter – Klangfülle. Eine, im besten Sinne, eigenartige Mischung: Zauberhaft, berührend, etwas schräg, verschroben und trotz poppiger Elemente alles andere als eingängig. Eine Mischung aus Melancholie, schillernden Seifenblasen und Zuckerperlen, die auf der Zunge einen plötzlich bitteren Geschmack offenbaren. Musik, die leise, ja zurückhaltend, daherkommt, schon um die Ecke ist – und im Nachhall in ihren Bann schlägt.

Nicht ganz gewöhnlich ist auch die Organisation von RHYS AND THE AUTUMN GHOST. Umfangreich ist die Liste der beteiligten Musiker, die ein kleines Arsenal an klassischen (Geige, Bratsche, Flöte, Dobro, Gitarre, Zither und Konzertharfe) und elektronischen Instrumenten bereitstellen – ein Orchester, dessen Mitglieder allerdings über den gesamten Erdball verteilt sind: England, USA und Japan. Man könnte anmerken, dass dieser Umstand ein gemeinsames Musizieren zugegebenermaßen doch erschwert. Ein Glück, dass in der modernen Welt nichts unmöglich ist, und laut RHYS MARSH klappt die Zusammenarbeit über die Grenzen verschiedener Erdteile hinweg sogar sehr gut. So werden die Teile der Kompositionen in verschiedenen Studios in London, Hollywood und Shiga (Japan) aufgenommen, die Fragmente an MARSH, der selbst noch seinen Teil beisteuert, geschickt und letztlich von ihm zusammengefügt. Wie gesagt, laut RHYS MARSH funktioniert diese Methode ganz ausgezeichnet – und aller Skepsis, die man vielleicht entwickeln könnte, zum Trotze: das hört man auch. Das Ergebnis wirkt keinesfalls, wie man argwöhnen könnte, gestückelt oder improvisiert, sondern ergibt ein mehr als stimmiges Ganzes, und es ist schwierig sich vorzustellen, dass diese Stücke nicht in einem Guss entstanden und aufgenommen sein sollten.

Der Soundtrack für den traurigsten Film, das könnte eine Unterschrift für die Musik von RHYS MARSH AND THE AUTUMN GHOST sein. Oder eben: Melodramatic Popular Song, auch, wenn laut MARSH diese Bezeichnung eher zufällig entstanden ist. Aber: sie passt. Sie passt deshalb, weil er seinen melancholisch-melodramatischen Stücken bewusst Pop-Song Elemente beimischt, um eine Art von Balance zwischen Drama und Pop-Song zu finden: „Trying to describe my music always ends up with me using far too many words. i think i fit neatly into the ‘singer / songwriter, with slightly jazzy band, with baroque strings’ section”, sagt er selbst über seine Musik. Als Einflüsse gibt der langjährige Musiker unter anderem Künstler wie den SAMADHI SOUND-Gründer DAVID SYLVIAN, den Norweger THOMAS DYBDAHL und den Isländer DANÍEL ÁGÚST an, inspirierend wirkten, neben Vertretern der norwegischen Jazz-Szene und einigen weiteren isländischen Musikern aber auch unter vielen anderen, SCOTT WALKER und NICK DRAKE . Interessant ist auch, dass es MARSH gelang, AKIRA RABELAIS für eine Mitarbeit beim Song „Unspoken” zu gewinnen; und für demnächst ist eine Zusammenarbeit mit der norwegischen Nu-Jazz Band JAGA JAZZIST geplant. Auch der Umzug nach Trondheim dürfte für einige musikalische Inspirationen sorgen.

All light fades, we remain. All words end, we descend. Bleibt zu hoffen, dass RHYS MARSH AND THE AUTUMN GHOST uns noch eine Weile erhalten bleiben werden. Auf Kommendes darf man gespannt sein.

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