Rhys Marsh

‘The Blue Hour’ Review: Ragazzi

6th October 2012

Das Schönste am Alternative Dark Prog Pop aus der Feder Rhys Marsh’ ist die erlesene Instrumentalausarbeitung seiner lyrischen Songs. Genauer betrachtet die sattfarbige, harmonisch nur schöngeistige Ausstattung mit tiefen und tiefsten Tönen von Bass (Jo Fougner Skaansar), Bassklarinette (Henning Aschim Wien) und Tuba (Kristoffer Lo). Fagott (Jørgen Vie), Klarinette (Kirsti Jacobsen) und Gitarre (Rhys Marsh) spielen drumherum wie wissenschaftliche Jazz-Folk-Experten mit Hang zu ernstem Schalk und strenger Harmonieseligkeit. Allein Schlagzeuger Iver Sandøy spielt anti-progressiv, Popappeal bastelnd, die Songs in die große Hörerdimension bewegend. Gute Herbstgeister, diese schwelgerischen, instrumental reichhaltigen Popsongs mit nordeuropäisch düsterem Charme elegisch mit enorm notenintensiver Progressivität zu erschaffen. Da ist noch mehr Geistervolk, Trude Eidtang (voice) etwa, Hayden Powell (tr) und Erik Johannessen (pos), sowie schicke Instrumente: Vibraphon (seufz!), Glockenspiel, Mellotron und komische mehr: flugabone, tympani, chamberlin, tambourine, space echo.

“Call it baroque pop, chamber pop or even chamber prog” meint Rhys Marsh. Sein schon drittes Album lässt klassische Prog-Einflüsse erkennen, etwa von frühen King Crimson (hier in der nicht wenig interessanten ‘light’-Version, Fripp-Gitarrenlicks – und die ganze Bandbreite des fetten Basssounds, wie ihn der Symphonic Rock erst im Echo klassischer Musik erschuf. Und doch ist der verschnörkelte Sound Pop – Barock-Pop ohne Pomp, nachdenklich und dunkel, von tiefer Lyrik und klassischer Eleganz, dem folkloristische Tendenzen bedeutend sind, ohne diese zu starr im Fokus zu haben.

Kammer-Pop? Entdeckt mich! schreit Rhys Marsh und kann nicht fassen, dass er mit diesem seinem eleganten Sound nur Nischenbetreuung ausüben darf, ohne auf die große, bekannte Bühne zu kommen. Die ignorante Welt berauscht sich seit je eher an grenzdebiler Blödheit als an Kunstmusik, selbst in der klassischen Musik sind die Gassenhauer jedem Provinztheater lieber als anstrengende Komplexübung. Und, Rhys, vergiss die Welt, mach weiter solche einzigartig düster-schweren Pop-Prog-Perlen. Nichts geht über den Schöngeist dieser lichterleichten, düsterschweren Melancholie! Kammer-Prog mit Popappeal trifft es wohl am ehesten, wenn Pop auch nicht Zeitgeistgekreisch ist, sondern die Leichtigkeit und Zugänglichkeit der Themen, die Sanftmut der Einspielung und die Federleichte in der Liedhaftigkeit.

Wie in der Namensauflistung zu sehen, sind Leute von nicht unbekannten Bands dabei. So sorgen die Herbstgeister sonst in Jaga Jazzist, The National Bank, Emmerhoff and the Melancholy Babies & Pelbo, mit Susanne Sundfør, Kaizers Orchestra und Magnet für den guten Ton.

Wenn dieses Album die ganze Familie vereint, dann sind alle Lichter aus, jeder liegt dahingefläzt auf Wohnzimmerkissen und auf Stunden flüstert die Crew, weil innen drin die Soundbewegung wie Magma noch nachbrodelt.

Ragazzi

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